Vaduz. Freitag, 14. Februar, 15:13 Uhr
Alena
Ich fahre durch das Rheintal - und habe noch keine Ahnung, dass die nächsten Stunden meinem sorgsam konstruiertes Leben eine völlig neue Richtung geben werden.
Das Winterlicht haucht eine dünne Glasur auf die Berge. Der Fluss liegt in Schlangenlinien neben der Straße, als wüsste er schon im Voraus, wo all die Kurven des Tages enden werden. Für einen Moment lasse ich meinen Blick über die Landschaft schweifen.
Perfekt wirkende Häuser, makellose Gärten, Autos im Wert von fünf Jahresmieten. Alles hat hier seine Ordnung. Selbst der Straßenmatsch liegt nach Vorschrift.
Ich versuche, meine Gedanken zu disziplinieren. Ein leichtes Summen meldet sich im linken Ohr, ein alter Bekannter. Ich atme tief durch, konzentriere mich auf die Musik aus dem Lautsprecher. Einatmen, Ausatmen. Der Tinnitus zieht sich zurück. Ha, wieder mein eigenes Hirn ausgetrickst.
Ein tschechisches Kinderlied, als Jazz-Pop interpretiert, fließt aus dem Radio und löst Erinnerungen aus – Klavierstunden, ein Lachen meiner Schwester Vera, die Ahnung einer anderen Version von mir.
Berge, Streuobstwiesen, Landvillen – nach fünf Sekunden nicht mehr im Rückspiegel zu erkennen.
Im Parkhaus sind die Plätze nahe den Kassen alle besetzt, ich finde eine Lücke im Dunkeln.
Auf dem Weg zu meinem Ziel hallt jeder Schritt auf dem Pflaster hart unter den Absätzen der neuen Schuhe, das Klick-klack zwischen den Hauswänden wie ein Metronom.
Jeder Muskel gespannt. Ich zwinge mich, langsamer zu laufen. Eine Business-Lady hetzt nicht. Sie schreitet. Kontrolliert und elegant.
An der Ecke zum Vaduzer Hof bleibe ich stehen, fingere am Display meines Telefons und nutze die Reflexion im Schaufenster der Boutique, um die Straße hinter mir zu scannen. Niemand. Nur ein älterer Herr mit Hund und eine Frau mit Kinderwagen.
Der Mantel umhüllt mich wie eine zweite Haut – tiefschwarzer Kaschmir, doppelt geknöpft, der Kragen hochgestellt gegen die Kälte. Ein Hauch von Pelzbesatz am Revers, kaum sichtbar, nur fühlbar. Darunter das Mitternachtsblau des Kostüms, eng und tadellos wie eine verborgene Rüstung. Einen Moment lang steigt Panik auf: Vielleicht ist meine Fassade wie lesbarer Code – wer richtig hinsieht, entziffert mich Zeile für Zeile. Einatmen, ausatmen.
Meine Pumps glänzen, als ob sie eine Einladung zum Tanzen erwartet hätten. Aber ich stehe auf einem gefrorenen Bürger-steig und nicht auf einer Gala. Die makellose Handtasche ruht starr am linken Arm.
Die rechte Hand fest am Gürtel des Mantels. Ein Hauch von Zedernholz und Zitrus folgt mir in der frostigen Luft.
Ein Passant – ein Banker auf dem Rückweg vom Lunch? Ich spüre seinen Blick im Rücken. Die Perücke kitzelt leicht an meinem Nacken, die falschen Haare fallen in sanften Wellen auf die Schultern.
Diese glatten Business-Bitches mit ihren maßgeschneiderten Fassaden. Heute bin ich eine von ihnen. Die Anspannung beherrscht mich mehr, als ich mir eingestehen will.
Ich biege um eine Ecke. Bleibe vor dem Schaufenster einer Boutique stehen, nehme aus dem Augenwinkel teure Uhren im Licht von LEDs wahr. Der Mann hinter mir? Zu lange dort. Der Puls beschleunigt sich. Nur ein harmloser Tourist? Ich überlege kurz, wann sich Paranoia als fester Bestandteil meines Betriebssystems etabliert hat.
Am Ziel, endlich. Die Marmorfassade glänzt in der Nachmittagssonne. Das Messingschild "Dr. Bürkli" poliert bis zur Perfektion. Die Tür schwer, solide wie ein Tresor.
Die Empfangsdame schaut auf, taxiert mich mit dem Blick einer Frau, die selbst Misstrauen maßgeschneidert trägt. Der Teint glatt wie bei einer Porzellanfigur. Ihr blasses Tattoo mit der römischen Zahl dreizehn passt nicht ganz zu der makellosen Erscheinung. Eine Figur, deren Konturen mich neidisch machen. Unbestimmtes Alter. Angedeutetes Lächeln. Alles perfekt. Alles falsch. So wie ich selbst. Auf ihrem großen Touchscreen sehe ich für eine Sekunde ein irritierendes Messenger-Fenster. Eine Vorwahl blitzt auf, +57 – Kolumbien. Sie wischt sie mit einer Routinegeste weg.
Ich komme als Fälschung. Unwillkürlich denke ich an die Werke begnadeter Fälscher. Sie gelten nicht wegen ihrer perfekten Pinselstriche als echt, sondern weil ihre Provenienz – ihre Entstehungsgeschichte – fehlerlos konstruiert ist.
Die Frau, die der Notar gleich sehen wird, kommt ebenfalls mit einer fehlerlosen Provenienz: die Geschichte, die Kleidung, die Gesten. Sie wird so überzeugend authentisch sein, dass jede Unterscheidung zwischen Original und Legende bedeutungslos wird.
„Der Termin um 16 Uhr, richtig? Der letzte Termin heute.“ Korrekt, ja, ja. Nur leicht nicken, mehr wäre nicht angemessen. Eine genauso dezente Bewegung zurück: „Ihren Mantel, bitte.“
Keine Namen. Gut so. Ich folge ihr. Meine Business-Pumps versinken im dicken Teppich. Luxus dämpft jeden Schritt, jedes Geräusch, jede Spur.
Sie bittet mich in den Konferenzraum: „Der Notar hat gleich Zeit für Sie. Bitte haben Sie noch zwei Minuten Geduld.“
Vierzig Quadratmeter, schockierend edel, trotz der Milchglasfenster. Drei raumhohe Stehlampen sorgen für indirektes Licht. Auf dem teuren Tisch Konferenzgetränke, zwei Dokumentenmappen. Acht Konferenzsessel, komfortabel genug, um sein Gewissen im Polster versinken zu lassen.
Ich probiere den Sessel an der Stirnseite des Tisches. Passt nicht. Nächster Versuch, ich beuge mich nach vorn, sodass ich an die Unterseite reiche, muss etwas fummeln. Der winzige stumme Zeuge klemmt zwischen Daumen und Zeigefinger, glitschig vom kalten Schweiß meiner Handfläche. Ich drücke fester, fühle das Polster knirschen. Drin: Die Wanze klemmt zwischen Sitz und Seitenteil. Hoffentlich ist das technologische Wunderwerk sein Geld wert. Ich stehe auf, kippe eine Stehlampe, fummele eine zweite unter die Kunststoffabdeckung neben den LEDs. Unsichtbar, perfekt.
Gerade noch rechtzeitig. Ich platziere mich seitlich vom Tisch, um die abstrakte Skulptur auf dem Sideboard zu mustern.
Die Tür öffnet sich: „Dr. Bürkli, angenehm.“ Der Rücken aufrecht, fast steif. Anfang 50, grau meliertes Haar und teure Brille. Die warme Stimme passt nicht zur kühlen Erscheinung. „Bitte nehmen Sie Platz.“
Der dunkelblaue Anzug aus glatter Schurwolle makellos, jede Naht präzise gezogen, als käme er direkt vom Schneider. Die Seidenkrawatte, tiefrot mit feinem Glanz, perfekt im Knoten, ohne eine Falte. Polierte Budapester Schuhe.
Seine Augen scannen mich professionell, verweilen einen Moment zu lange an meiner Silhouette.
Ich nehme Platz, schlage das rechte über mein linkes Bein. Folgen seine Augen der Bewegung? Gut.
Ich habe alles vorbereitet. Online recherchiert. Die Argumente und Fragen memoriert. Heute sitzt jedes Wort. Jede Pause ist kalkuliert, jeder Blick. Vieles nur angedeutet.
„Die Strukturen, die wir bereits umrissen haben …“ Meine Stimme klingt fremd in meinen eigenen Ohren. Business Style: einige Töne tiefer. Kontrollierter.
„Alle Unterlagen sind nun vollständig ausgearbeitet. Wollen wir sie im Detail durchsehen?“ Er beugt sich vor, öffnet seine Dokumentenmappe, zeigt mit seinem gespitzten Faber-
Castell-Bleistift auf einzelne Paragrafen.
Bürkli hört zu. Sein Blick wandert von seiner ledernen Dokumentenmappe zu meinen Augen. Ich nehme die leicht getönte Brille ab. Fensterglas … Eine halbe Sekunde lang deute ich ein Lächeln an, bestätige den Kontakt kurz. Die grün gefärbten Kontaktlinsen brennen, bald wird es darunter tränen. Meine Hände spielen mit dem Brillengestell.
Ich lehne mich leicht zurück. Warte. Kaum wahrnehmbar: Auf der anderen Seite des Konferenztisches folgt er der Bewegung. Die Schultern fallen unmerklich ab, sein Kopf neigt sich. Er weiß nicht, dass er gerade tanzt – ich führe.
Ich atme langsamer. Passt sich sein Rhythmus an?
Ich streiche mir eine Strähne hinters Ohr. Eine kleine, feminine Geste. Seine Hand zuckt.
„Die Konstruktion muss absolut wasserdicht sein!“ Ich lächle wieder. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. „Verstehen Sie? Das ist in unserem gemeinsamen Interesse!“
Er antwortet mit einem Geschäftslächeln mit kalten Augen. „Freilich, wir haben sehr viel Erfahrung in diesen Dingen. Sie können sich vollständig auf mich verlassen. Und auf die Diskretion des Notariats …“.
Er hält inne, einen Moment zu lang. Sein Blick fixiert eine Naht meines Kostüms, dort, wo der Schnitt über die Schulter läuft, als suchte er etwas, das nicht passt. Dann fragt er: „Die Trust-Konstruktion, die Sie skizzieren – Sie wollen den Mantel mit meiner Helix-Treuhandkonstruktion verschachteln. Haben Sie keine Bedenken wegen künftiger Verschärfungen der EU-Richtlinien zum Plattform-Reporting?“
Will er mich testen? Ein hohes Pfeifen schießt mir ins linke Ohr. Sekundenscharf, alarmrot. Ich antworte, ohne zu denken. „Meine Partner und ich können das akzeptieren, wenn die wirtschaftliche Berechtigung im Kommanditistenkreis bleibt.“ Ich staune über mein eigenes Halbwissen. Eine halbe Sekunde Stille. Er lächelt merkwürdig. Das Pfeifen dünnt aus.
Seine Stimme verrät: Ich habe ihn. Er steigt auf meine Präzisierungswünsche ein. Fragt an den entscheidenden Stellen nicht nach. Vielleicht sind meine Erwartungen Routine für ihn.
„Wird es Ihnen gelingen, das gesamte Paket in maximal zwei Wochen fertigzustellen? Digital in meine Inbox?“ Er sagt sekundenschnell zu. Freut sich über „die langfristige Zusammenarbeit“ und die „beiderseits einträgliche Vereinbarung.“
Wie erwartet, hilft er mir selbst in den Mantel: „Darf ich Sie vielleicht zu einem frühen Nachtessen einladen?“
„Ganz sicher. Bei unserer nächsten Verabredung.“ Wir verabschieden uns mit einem Händedruck. Ich kämpfe gegen den Instinkt an, sofort loszulassen. Zähle stumm. Eins. Zwei. Geschafft.
Draußen nieselt es. Die Gasse zum Parkhaus kleinstädtisch leer. Die schlafenden Riesen des Drei-Schwestern-Massivs kaum sichtbar.
Im Mietwagen schaue ich in den Rückspiegel. Eine Sekunde lang sehen mich zwei Frauen an: die mit der Perücke und mein echtes Gesicht. Ich weiß für einen Moment nicht, wer wem die Wahrheit schuldet – und wie viel an mir echt ist.
Ich streife die Killer-Heels mit zu viel Wucht von den Füßen, werfe sie hinter den Fahrersitz. Kontaktlinsen raus, Perücke runter.
Ich starte den Motor, fahre los. Die Vereinbarung ist in trockenen Tüchern. Triumph – und gleichzeitig spüre ich eine Welle Übelkeit, die bis in den Nacken steigt.
Kurz vor München ploppt mein Smartphone mit einer Nachricht der Signal-App auf.
„Hat Bürkli geliefert?– Gruß, A.“